Kirche und Orgel mit Geschichte,

aber viel zu lang ohne Klang


von Bärbel Schneider


St. Kilian - diesen klangvollen Namen trägt unsere Kirche und die dazugehörige Gemeinde im Thüringer Wald mit seiner reizvollen Landschaft. Sie liegt auf geschichtlich interessantem Boden südlich des Rennsteigs und am Rande des von der Unesco anerkannten Biosphärenreservats Vessertal. Heute gehört der Ort zu der traditionsreichen Stadt Schleusingen (1232 bis 1583 - Residenz der Grafen von Henneberg).  

 

 Die Kirche verdankt ihren Standort und Namen wohl der geografischen Nähe zu Franken, denn hier am Anfang einer bergan führenden Waldstraße nach Vesser befand sich eine Kapelle mit dem Namen des Frankenapostels Kilian, die schon im frühen Mittelalter zu andächtigem Verweilen einlud. Mit einem Verweis auf eine kleine kirchliche Kapelle findet sie 1187 ihre erste urkundliche Erwähnung und ist damit "wahrscheinlich die älteste kirchliche Gründung im Gebiet nördlich von Schleusingen". (vgl.: stkiliankirche.de/Historisches)

"Nach einer wechselhaften Geschichte wurde die Kirche nach einem Brand neu erbaut." In ihrer unmittelbaren Umgebung entstand das vermutlich erste Spital im süddeutschen Raum. (vgl.:stkiliankirche.de/Historisches)  Schließlich wurde der heilige Kilian einst auch bei Augenleiden, Gicht und Rheumatismus angerufen.

Einheimische der älteren Generation nennen diesen Ortsteil noch heute "Spittel".  

Wann die Kirche ihre erste Orgel bekam, ist nicht überliefert oder bisher nicht hinreichend erforscht. Dass es in St. Kilian jedoch mindestens ein solches Instrument vor unserem aktuellen Sorgenkind gegeben hat, verraten Einträge im Kirchenbuch sowie auf der Homepage der Gemeinde Krölpa bei Pößneck (vgl.:www.kroelpa.de/Geschichte/Kirchen/Kirche Krölpa), wohin die Vorgängerin 1794 verkauft wurde und wo sie seit 1999 nach zweijähriger Restaurierung wieder in voller Schönheit erklingt. Es ist bemerkenswert, dass diese "Crapp- Orgel" aus einer Werkstatt der unmittelbaren Nachbarschaft Hildburghausen nunmehr eine der ältesten Orgeln Thüringens ist und aus dem Besitz unserer Kirche kommt.  


Unsere heutige Orgel wird in einem gegenwärtigen Gutachten von dem Sachverständigen Christoph Schindler als "imposant großzügig" und "grundsolides wertvolles" Instrument charakterisiert. Sie stammt aus dem Jahr 1802 von dem Orgelbauer Johann Georg Kummer aus der Nachbargemeinde Erlau, der sein Handwerk in der damals bekannten Orgelschule von Schmiedefeld am Rennsteig gelernt hatte, später in Erfurt tätig war und auch eine Orgel in der Dresdner Kreuzkirche baute.

Im Inventarium der Kirche zu St. Kilian steht geschrieben: Eine Orgel, dieselbe ist in den Jahren 1800 - 1802 von dem Orgelbauer Georg Kummer aus Erfurt in Erlau als seinem Geburtsort gebaut worden, und kostet 1800 M  

Nun konnte in der Kirche St. Kilian endlich wieder eine Orgel zum Lob Gottes und zur Erbauung der Gläubigen ihren vollen Klang entfalten.  

Wie ein Auszug aus der Chronik St. Kilian belegt, wurde 1835 dem Maler "Valentin Albrecht aus Albrechts, der die Kirche insgesamt mit einem neuen Anstrich versehen hat", der Auftrag erteilt, auch die Orgel zu verschönern:


- Die Orgel an der vorderen Seite mit weißer Firnisfarbe anzustreichen

- mehrere Stäbchen gut vergolden

- mit Laubwerk verzieren

- die zwei Nebenseiten mit Leimfarbe, jedoch unten wo die Schüler sitzen beim 5. Fuß hoch mit Firnisfarbe gut anzustreichen  

Zwanzig Jahre später machte sich jedoch eine Reparatur und Umdisponierung (Stimmveränderung) der Orgel erforderlich. Mit einer Begutachtung und einem Kostenanschlag wurde der Orgelbauer Michael Schmidt aus Schmiedefeld beauftragt.

Laut "Chronik der Pfarrer St. Kilian von 1835 - 1911" steht am 4. April 1853 geschrieben:

Die Orgel in der Kirche zu St. Kilian ist vor ungefähr 50 - 60 Jahren vom Orgelbauer Kummer zu Erfurt in gemischtem Baustile des Gehäuses ganz neu erbaut, später vom Orgelbauer Holland von Schmiedefeld gestimmt, und zuletzt, vor etwa 16 Jahren (1937) von einem Tischler aus Lengfeld repariert worden. Die Mängel der Orgel, die sich bei der Untersuchung herausstellten, sind größtenteils solche, die sich auf die ursprüngliche Erbauung gründen ...  Daher ist die Orgel in einem Zustand, dass der Gebrauch derselben beim Gottesdienst die kirchliche Andacht nicht weckt sondern stört. Durch Ausführen folgendes Planes würde sie in eine zweckmäßige und dauerhafte umgeschaffen.

Es folgen 5 DIN A3 Seiten mit der Beschreibung der Reparaturschritte und der Benennung der Kostensumme von 317,21 M .

1856 war der Orgelumbau abgeschlossen, wie das Gutachten des Lehrers und Organisten F. Lindenlaub aus Schleusingen vom 1. Oktober 1856 belegt:

...dieses schöne, in seiner Reparatur sehr wohlgelunge, in seiner Wirkung sehr befriedigende Orgelwerk zur Ab- und Annahme bestens empfohlen. Die Übergabe erfolgte hierauf und die Weihe war für den folgenden Tag als den 22. Sonntag nach Trin. bestimmt.

 

61 Jahre konnte nun die Orgel ungestört bespielt werden und ihr volles Klangspektrum zu Gehör bringen, bis 1917, gegen Ende des 1. Weltkrieges, von der Militärbehörde "eine Beschlagnahme sämtlicher Orgelpfeifen" angeordnet wurde, weil das Zinn für militärische Zwecke gebraucht wurde.

 

Leider sind die Aufzeichnungen über das weitere Schicksal unserer Orgel in der Folge nur sehr spärlich und es kann nicht verfolgt werden, wann und wie sie wieder bespielbar gemacht wurde. Lediglich ein Hinweis aus der Chronik wurde gefunden, dass 1930 die Firma Kühn Schleusingen einen neuen Orgelmotor einbaute, was darauf schließen lässt, dass sie spätestens von dieser Zeit an wieder betrieben werden konnte.

Weiterhin liegen Unterlagen vor, dass zwischen 1959 und 1962 die Orgel erneut überholt wurde. Ein Kostenanschlag des Orgelbaumeisters Gustav Kühn aus Schleusingen (2728,- DM/DDR Mark) sowie ein Gutachten des Orgelfachberaters Paul Wutke aus Erfurt liegen vor. Darin heißt es:

Am 25.1.1962 prüfte ich die reparierte Orgel in der Kirche zu St. Kilian(KKrs. Schleusingen). Zugrunde lag die Rechnung von Orgelbaumeister Kühn ... Im Vergleich mit der Rechnung wurde festgestellt, dass alle Punkte richtig erfüllt sind.  

Die folgenden Jahre waren bis heute die letzte Periode, in der die Kirche zu St. Kilian über eine voll funktionsfähige Orgel verfügte. Durch die ideologisch atheistische Grundausrichtung der DDR wurde immer weniger Geld für die Erhaltung von Kirchen und die sich darin befindlichen Kunstgegenstände, also auch Orgeln, zur Verfügung gestellt. Somit waren viele Gotteshäuser besonders auf dem Land dem Verfall preisgegeben, weil die Kirche allein mit den Kosten und Mühen ihrer Unterhaltung überfordert war. Außerdem fehlte es mehr und mehr an ausgebildeten Bewerbern, um die Stellen von Pastoren und Organisten fachgerecht zu besetzen. Diesem Schicksal entging auch unsere Kirche nicht. Ehrenamtliche und Laienkräfte versuchten, die Lücken zu schließen und spielten die Orgel noch zu Gottesdiensten und Feierlichkeiten, bis sie in den 1980er Jahren völlig verstummte. Wahrscheinlich war neben dem fehlenden Personal dringender Reparaturbedarf die Hauptursache.  

Seitdem vermissen wir den Klang der Orgel, der wie kein anderer den Kirchenraum und die Sinne und Herzen der Gläubigen und Besucher füllen kann.  

Nach dem Wunder der friedlichen Wiedervereinigung Deutschlands, an dem die Kirchen im Osten einen wesentlichen Anteil hatten, herrschte Aufbruchstimmung und die Hoffnung, auch unser Gotteshaus wieder auf Vordermann zu bringen, was nach der Wende mit einer gründlichen Außensanierung auch gelang.(vgl.:www.stkiliankirche.de/Historisches)  

 

 

 

 "Für die Reparatur des Innenraumes fehlte immer das Geld. So entschloss sich die Gemeinde 2006 das Kircheninnere in Eigenleistung zu rekonstruieren. In einer beinahe unglaublichen Aktion von etwa 5.600 Einsatzstunden, (über 100 Sonnabendeinsätzen mit durchschnittlich 20 Beteiligten) und vielen Einsätzen in der Woche, brachte die Gemeinde ihre Kirche wieder in den aus den Protokollbüchern recherchierten 'hellen, freundlichen und würdevollen' Zustand." (www..stkiliankirche.de/Historisches)  Sie bietet seit einigen Jahren auch als Autobahnkirche Raum zu Einkehr und Stille bei Gott.    

Im Zuge dieser Renovierungsarbeiten erhielt unsere Orgel einen neuen Farbanstrich, angelehnt an das, was an Farbe noch sichtbar war. Zwar fügt sie sich nun mit ihrem imposanten Äußeren wunderbar in den Kirchenraum ein, aber ihr ist kein Ton mehr zu entlocken. Um das zu ändern, entschied sich der Gemeindekirchrat, einen Orgelausschuss zu bilden, der nun eine grundlegende Sanierung in die Wege leitet.  

Dazu wurden 3 Gutachten und Kostenvoranschläge eingeholt, die alle die vorhandenen Mängel und entsprechende Maßnahmen auflisten, die Renovierungswürdigkeit unserer Orgel jedoch bestätigen und unterstreichen.  

Herr Frank Bettenhausen, Orgelsachverständiger der EKM , stellt im Januar 2018 fest:

Die Kirchengemeinde in St. besitzt eine wertvolle Denkmalsorgel aus der Schmiedefelder Schule. Das Instrument ist seit langem nicht mehr spielbar und sollte in allen wesentlichen Bestandteilen restauriert werden.

 

Herr Christoph Schindler, Orgelbaumeister, schätzt im Juni 2017 ein:

"Das imposant großzügig und gut zugänglich konstruierte Instrument befindet sich in stark verschmutztem, nicht spielbaren Stand. Der Blick auf technische Details offenbart die handwerklich sehr hochwertige Ausführung der originalen Anlage von 1802. ...

Das Instrument ist unverbastelt und gut restaurierbar. Konstruktionsdetails, wie das Register Untumaris 4' haben Alleinstellungsmerkmal. ...

Auf Grund des partiell erheblichen Holzwurmbefalls ... besteht akuter Handlungsbedarf ...

Die Kirchengemeinde St. Kilian besitzt mit ihrem Zeitzeugen hochstehender Thüringer Orgelbaukunst ein grundsolides wertvolles Denkmalinstrument mit Raum füllendem Klangspektrum."

 

Das wollen wir wieder hören und in unsere Herzen dringen lassen. Dafür werden wir alles in unserer Macht stehende tun. Es wird viel Kraft und Geld kosten, aber wir wollen es versuchen.  

Der Auftrag zur Orgelsanierung wurde inzwischen an die Firma Orgelbau Waltershausen GmbH vergeben.